BSV 92 vs. Hamburger RC (38:08)

Wer hat eigentlich Beton in meinen Oberschenkel gegossen? Warum muss mir meine Freundin meine eine Pobacke eincremen? Und wo ist Sonntag eigentlich mein Kopf verlorengegangen? Eines ist klar: Alle Antworten liegen im BSV-HRC Spiel am Samstag.
Denn Samstag ging es darum, einen wichtigen Schritt Richtung Klassenerhalt zu tun. Nur einer kleiner Schritt für jeden Mann, aber ein gewaltiger Satz für die Mannschaft. Oder so ähnlich. Jedenfalls ging es in der Tabellen von neun auf sieben. Aber ich greife vor.

Jedes Spiel fängt für mich schon mindestens einen Tag vorher an. Besonders wenn es ein wichtiges ist. Um alle ordentlich zu motivieren und aufzuheizen, schicke ich meinen Mannschaftskollegen noch einmal den Bericht des letzten Spiels gegen den HRC herum, den ich vor einem halben Jahr geschrieben habe. Ich bin nervös, positiv aufgeregt, tigere durch die Wohnung. Freitagabend wird das Bier weggelassen und im Bett male ich mir in meiner Einschlafphase schon Spielsituationen im Kopf aus. Ich stehe Samstag auf, finde mich angespannt unter der Dusche wieder, bin wortkarg, atme manchmal tief und konzentriert durch, dass meine Freundin verwundert fragt, ob alles ok mit mir ist. Ich achte auf gutes, gesundes Frühstück und packe penibel all die Dinge zusammen, die ich fürs Match brauche. Das alles gehört für mich schon zur Vorbereitungsphase. All diese kleinen Rituale. Und noch viele mehr.
Dann geht’s los, denn heute steht das große Spiel an: Gegen unsere guten Freunde und gleichzeitig argen Konkurrenten: Die kreuzsympathischen Jungs vom HRC. Heimspiel. Ich hoffe, es kommen viele Zuschauer, um uns anzufeuern. In der Kabine sind alle schon heiß aufs Spiel. Dort teilt sich die Mannschaft in verschiedene Gruppen: Manche sitzen für sich alleine, mit i-pod auf den Ohren, in sich zurückgezogen, manche bereden noch mal genau ihre Aufgaben, Spielzüge, Taktiken, manche scherzen, um sich die Aufregung zu nehmen. Wir machen uns warm, kehren dann noch mal in die Kabine zurück und Trainer und Kapitän haben das Wort: Wir haben zwei Ziele: Siegen und vier Versuche legen. Aber eines nach dem anderen. Nicht nervös werden. Volle Konzentration. Kurz bevor wir die Kabine verlassen, kocht uns unser Skipper und Seele der Mannschaft, Justin, noch einmal mit einer emotionalen Rede hoch. Ich fühle wie mein Blut brennt und sehe Feuer in den Augen der anderen. Wenn es sein müsste, könnten wir jetzt die Erde aus den Angeln heben. Dann geht es raus auf den Platz. Es ist schönes Wetter und einige Zuschauer haben den Weg in die Forckenbeckstraße gefunden. Ist mir alles egal, ich will endlich spielen.

Ankick HRC, genau in den Pulk unserer Stürmer. Aber keiner geht zum Ball und der springt alleingelassen in der Gegend herum. Innerlich schreie ich: Mann Stürmer! Konzentriert Euch! Macht Eure Arbeit ordentlich! (Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Stürmer werden uns den Sieg holen. Und wie.) Zunächst kommt es aber zu einem Straftritt zum Goal für den HRC. Wir haben bis dahin noch nicht einmal unsere Spielhälfte verlassen. Na prima. Fabian, der Verbinder vom HRC läuft an: 0:3. Verdammt. Aber vielleicht brauchten wir das. Denn keiner lässt sich davon beeindrucken. Von hier an geht es nur noch nach vorne. Denn es gibt dann das erste Gedränge. Und unsere Stürmer sind gewaltig. Mächtig. Überlegen. Dominant. Riesen. Titanen. Für den HRC-Sturm wird gegen unsere Kolosse kein einziger Lichtstrahl zu sehen sein. Unsere eigenen Scrums werden kinderleicht gewonnen, bei gegnerischen wird der Hamburger Sturm wie mit der Bugwelle eines Ozeandampfers einfach weggepflügt. Die Hintermannschaft bekommt endlich viele klare Bälle, alles läuft. Nach etwa sieben/acht Minuten gibt es ein Gedränge fünf Meter vor den Goalstangen des HRC. Für wen, weiß ich nicht mehr. Ist auch egal, unser Sturm holt alles. Ich stürze auf die linke Seite des Gedränges, sehe eine Lücke in der HRC-Verteidigung, sieben Meter bis zur Mallinie, Frodo, unser Halb spielt mir den Ball perfekt aus dem Gedränge zu, ich sprinte nach vorne, von links und rechts kommen Verteidiger angeflogen, ich bin fast über der Mallinie, 30 Zentimeter noch. 20. 10. Die HRCler packen mich. Ich bin über der Linie! Kann den Ball nicht herunterbringen, ich werde gedreht. Kein Versuch! Schei… verda… das gibt es doch nicht. Bitte nicht schon wieder. Denn das passiert uns leider häufig.

Oft dominieren wir die erste Viertelstunde, fast immer dank unseres starken Sturms, aber wir schaffen es dennoch nicht, zu Punkten zu kommen. Bitte nicht schon wieder. Nicht in diesem Spiel! Bitte nicht der BSV Fluch. Auch ich konnte ihn nicht brechen. Ich habe Angst, die Pechsträhne wieder eingeläutet zu haben. Doch diesmal ist es, Gott sei Dank! anders. Wir blieben alle konzentriert, arbeiten unermüdlich und auf unser 16-beiniges Monster, den Sturm, ist nach wie vor Verlass. Wir schnüren die HRCler in ihrer Hälfte ein. Ich glaube, es gab ein Line-Out auf der linken Seite, keine zehn Meter vor dem Hamburger Malfeld. Auf jeden Fall gibt es eine Regelwidrigkeit und wir bekommen Straftritt. Unser Kapitän Justin schaltet am schnellsten, kratzt kurz an und stürmt nach vorne. Die Verteidigung steht noch nicht; er tankt sich ins Malfeld: Führung! Versuch! Der Bann ist gebrochen. Wir alle wissen, dass wir es uns heute nicht werden nehmen lassen. Nach vorne, nach vorne, Richtung Hamburger Malfeld. Wir werden wie magnetisch angezogen. Kurze Zeit später: Unseren Flanker Richy, in seinem ersten (grandiosen) Spiel für den BSV, zieht es nach vorne, ihn treibt es fast bis an die linke Außenlinie, aber sein Drive geht nach wie vor Richtung Malfeld. Die Hintermannschaft schließt sich in einem schnell geformten Maul an, unaufhaltsam, Schub nach vorne, ins Malfeld! Zweiter Versuch. Und wir sind und bleiben hungrig. Der Sturm ist eine einzige Lokomotive. HRC versucht etwas dagegen zu machen, stellt um: André, bis dahin auf Innen, wird nun als spielgewitzter Gedrängehalb eingesetzt. Er bleibt ein Unruheherd, aber dennoch: vergeblich. Unsere Dominanz ist nicht mehr zu stoppen. Wieder gibt es einen Straftritt fünf Meter vor dem Hamburger Malfeld. Unser Kapitän entscheidet ein Gedränge zu nehmen und das Kommando für den Sturm lautet: Die schieben wir rein. Und Hit! Sofort ist der Ball in unseren Reihen. Und Schub. Und Schub. Das Gedränge bewegt sich wie ein Ungetüm nach vorne: Ins Malfeld. Justin hat die Ehre den Ball herunterzudrücken. Wir hätten sie bis nach Ägypten schieben können. Dritter Versuch. Und das alles vor der Halbzeit. Hamburg hatte keine einzige Möglichkeit, zu mehr Punkten zu kommen. Unsere Stürmer dominieren weiterhin und auch die Hintermannschaft spielt groß auf. Immer wieder werden Durchbrüche auf Innen gerissen und Meter um Meter gemacht. Der BSV-Sturm bietet sichere Angriffsplattformen.

Etwa in der fünfunddreißigsten Spielminute wieder Gedränge nicht weit der Hamburger Mallinie. Pass auf Julian, unseren Verbinder, er steppt, macht den Offload zu mir auf Inside Center, wir ziehen die Verteidiger auf uns. Ich schaffe den Pass auf unsere 13, Russel, mit einem Cut nach Innen lässt er die Verteidiger vorbeifliegen und landet im Malfeld. Vierter Versuch! Offensivbonuspunkt geschafft. Zum ersten Mal diese Saison! Wir sind stolz auf uns. So geht es in die Halbzeit. Dort versuchen wir nicht zu übermütig zu werden, denn noch liegen weitere vierzig Minuten vor uns. Tatsächlich lassen wir in der zweiten Hälfte einen Tick nach. HRC kommt zu mehr Atemfreiheit. Und so auch zu weiteren Punkten. Etwa an unserer 22 spielen sie auf ihre Hintermannschaft. Einer kann den Ball nicht richtig kontrollieren. Das Rugbyei tanzt auf seinen Fingerspitzen. Unser Schluss, Sven, wittert seine Chance, stürzt nach vorne, streckt sich nach dem Ball. Es geht um Millisekunden. Es könnte ein grandioses Interception werden. Doch der HRCler packt den Ball zuerst, Sven fliegt vorbei, der Weg ins Malfeld ist frei. Versuch HRC. Pech. Was soll’s. So was passiert. Im Malfeld sammeln wir uns: Unser Skipper gibt die Devise: Dem HRC den Bonuspunkt verweigern. Wieder mehr konzentrieren. Wir tun es. Mit einer Mischung aus guten Hintermannschaftsspielzügen, intelligenten Kicks, Pick’n’Go-Sequenzen und natürlich den dominanten Standardsituationen.

So kommt es irgendwann zu einem offenen Gedränge an der 22 der Hamburger. Kommando: ´Safe.´ Unsere disziplinierten Forwards machen denn Ball sicher. Langsames Spiel, zweimal sauberes Pick’n’Go. In der Hintermannschaft ist einer unserer spektakulärsten Spielzüge angesagt. Der Ball kommt raus und der Spielzug läuft so sauber ab, als würde er für ein Lehrvideo aufgenommen. Die Hamburger Spieler wissen nicht, wohin sie verteidigen sollen. Und schwupp schießt auch schon Sven ins Malfeld. Blitzsauber, spektakulär. Wahnsinn! Damit wir Hintermannschaftsspieler nach dem Spiel auch sagen können, dass wir was Geiles zustande gebracht haben und nicht den ganzen Ruhm komplett den grandiosen Stürmern überlassen müssen. Der Sieg ist uns schon längst nicht mehr zu nehmen. Zu gut sind wir heute. Zu schnell unsere Backs, zu dominant der Sturm. Und auch für mich nahm es nach meinem ersten gescheiterten Versuch-Versuch noch ein gutes Ende: Kurz vor der Hamburger 22 haben wir ein offenes Gedränge. Wir sehen, dass die kurze Seite offen ist. ´Kurz´ ´Kurz´ ist der Call. Die Hamburger sehen die Gefahr, eilen heran. Frodo passt mir den Ball zu, ich sehe, wie die Hamburger heranstürzen, um die kurze Seite zuzumachen. Ich dummypasse aus Russel. Drei Hamburger fallen darauf herein. Riesen Lücke und ich wetze los. Ab ins Malfeld. Try! Ich weiß nicht, ob der Versuch erhöht wurde. Ist auch egal. Heute ging’s um die Versuche, nicht die Kicks. Auf jeden Fall steht es bei Abpfiff dann 38:8. Schöner klarer, dominanter Sieg. Klatschgasse, Jubel, Wahnsinn! Ich bin so stolz auf die Mannschaft. Selten hat ein Bier so gut wie nach diesem Spiel geschmeckt. Bei dem einen Bier blieb es nicht. HRC und BSV feierten noch gemeinsam. Stiefel wurden geleert und die verschiedenen Stiefeltrinktraditionen ausgetauscht.

´Auf der Reeperbahn nachts um halb eins´ gaben die Hamburger zum besten, wir verabschiedeten sie mit unserem Schlachtlied ´Mrs. Murphy´. Denn leider mussten sie viel zu früh zurück in den Bus in die Hansestadt. Nicht jedoch ohne ein gemeinsames Freundschaftsspiel für den Sommer in Angriff genommen zu haben. Vielen Dank HRC! Überflüssig zu erwähnen, dass die Feierei bei uns noch weiterging. Was auch die Frage beantwortet, wo ich meinen Kopf Sonntag gelassen habe. Nämlich in irgendeinem Bierglas. Den Beton hat mir übrigens André vom HRC mit einem schönen Pferdekuss in den Oberschenkel gegossen. Woher ich aber diese sitzunvorteilhafte tiefe Schramme an meiner Pobacke habe, wird weiterhin ein Geheimnis bleiben. Vielleicht ist es während des Spiels passiert. Vielleicht aber auch während des Feierns danach. Ich weiß es nicht. Aber eine Woche nur unter Schmerzen sitzen können, nehme ich für so ein Spiel dankbar in Kauf! Als letztes wie immer unser ´Man of the Match´. Obwohl heute die gesamte Mannschaft wahnsinnig gut spielte, alle kämpften und alles gaben, muss die Ehre eindeutig an einen Stürmer gehen. Denn der Sturm war die Macht. Dort stach einer mit unermüdlichen Einsatz, Kampfeswille, Laufbereitschaft und Drive nach vorne noch einen Tick heraus: Die Ehre des ´Man of the Match´ geht an Flanker Richy Düring, der nicht nur sein erstes Spiel in den Farben des BSV bestritt, sondern auch gleich einen wichtigen Versuch beisteuerte.

Die Mannschaft:

  1. Roman Zahner (später: Benni Freshour)
  2. Christophe Duffait
  3. Patrick Freyburg
  4. Branomir ´Niko´ Colic
  5. Brian Curran
  6. Richard ´Richy´ Düring (MotM)
  7. Justin Woods (cap.)
  8. Jozo Ojvan
  9. Marc ´Frodo´ Gualskopek
  10. Julian Schneider
  11. Simon Aettner
  12. Volker Schütt
  13. Russel Pillay
  14. Kaaweh Molawi
  15. Sven Schlösinger

Trainer: Marek ´Geburtstagskind´ Sniowski Danke HRC. Danke BSV. Danke Jungs.

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