Drei Tage sind vergangen seit unserem ersten Bundesliga-Auswärtssieg. Drei Tage, in denen ich jeden Knochen, jeden Muskel, jede Faser in meinem Körper gespürt habe. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich mich das letzte Mal nach einem Spiel so komplett zerschlagen gefühlt habe. Das kommt vom ganzen Tacklen. Denn Tacklen, das haben wir gemacht. Und wie! Denn das Spiel gegen den HRC haben wir eindeutig über unsere knallharte Verteidigung gewonnen. Das steht fest.
Aber von Anfang an: Von vorneherein wussten wir, dass das Spiel gegen den HRC mal wieder ein echtes Endspiel sein würde. Bis jetzt haben wir uns gegen die ganzen „Big Player“ in unserer Liga ganz gut geschlagen, aber wir wissen, dass da eigentlich noch nichts zu holen ist für eine so junge Mannschaft in der zweiten Bundesliga. Im Spiel gegen Schwalbe/DRC II schafften wir nur ein (ziemlich aufregendes) Unentschieden, auch wenn natürlich mehr für uns drinnen war. Aber der Topspieler Marc Lowdon, der für die SG auflief, machte uns mit seinen ganzen Versuchen das Leben schwer, so dass nur drei Punkte zu holen waren. Kein Sieg. Umso heißer waren wir auf das Match gegen unsere Freunde aus Hamburg. Das Unerfreuliche war mal wieder, dass nur 15 Spieler für uns auf dem Spielbogen standen. Bloß keine Verletzungen! Aber da wir daran traurigerweise schon fast gewöhnt sind, ist das Team umso eingespielter, was sich besonders in der ausgezeichneten Verteidigungsorganisation zeigte.
Mittlerweile kennt man sich ja und wir konnten sehen, dass der HRC alles andere als eine schlechte Mannschaft auf dem Platz stehen hatte. Ein bisschen Anspannung, ein bisschen Bammel war schon dabei, aber da wurde auch schon angepfiffen und es war keine Zeit mehr, viel zu denken. Beide Mannschaften zeigten auf dem regendurchnässten Rasen erst mal Respekt vor dem Gegner. Dann der erste Angriff der Hanseaten und gleich rutscht ihre quirlige Dreizehn irgendwie durch unsere Reihen und ich wusste, den muss ich mir holen. Beim Warmmachen habe ich mich nicht wirklich gut gefühlt, irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht richtig in die Sprints zu kommen, ich fühlte mich langsam. Und jetzt gleich gegen den schnellen Außencenter. Aber irgendwie schaffte ich es dann ohne Probleme, ihn einzuholen. Manchmal ist das so. Wie man sich beim Warmmachen fühlt, sagt noch lange nicht aus, wie es dann im Spiel läuft. Ich setzte ein ziemlich perfektes Tackle von hinten, brachte ihn sauber zu Boden und kam sofort in eine gute Position, so dass ich den Ball auf der Stelle wiedergewinnen konnte. Da wusste ich irgendwie, dass heute keiner an mir vorbeikommen würde. Und dass wir siegen werden. Das soll nicht arrogant klingen, aber manchmal hat man das einfach im Gefühl. Dass es hart werden würde, war klar. Aber siegen werden wir, siegen werden wir!
Unser Sturm leistete Gewaltiges. So gut wie jedes Gedränge wurde dominiert, so dass die HRC Hintermannschaft jeden Angriffsball schon von vorneherein schlecht bekam. Und dann prallten sie auf eine knallharte Verteidigungswand, die im Laufe des Spiel die Hamburger immer mehr dazu brachte schräg zu laufen, um den harten Verteidigern aus dem Weg zu gehen. Und so kann man nur sehr schwer entscheidende Durchbrüche schaffen.
Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, aber irgendwann haben wir uns vor die Hamburger Mallinie vorgearbeitet und unser stilles Prop-Ungetüm Daniel Roques war dann nicht mehr zu stoppen. Wie auch? Wer soll ihn dann schon noch stoppen? Versuch! Erhöhung! Führung. Verdient. Wir waren bis dahin einfach besser. Unsere harte Verteidigung hatte den Hamburgern ein bisschen den Elan gebrochen, weil einfach kein Angriff durchkam. Heute stand jeder für den anderen ein, jeder gab alles. Und wenn einer mal einen Fehler machte, wurde er sofort kompromisslos von den anderen ausgebügelt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Ich glaube, das war das Erfolgsrezept. Aber es war auch lange nicht so, dass wir die absoluten Platzherren waren. Hamburg hat eine gute Mannschaft und jeden Millimeter musste man ihnen abringen.
Merkwürdigerweise kann ich mich fast nur noch an die zweite Halbzeit erinnern. Weil sie so viel aufregender war, so viel spannender war. Nur das Ende der ersten Hälfte ist noch präsent in meiner Erinnerung. Denn die Hamburger schafften einen Durchbruch, der nur mit Mühe ganz kurz vor unserem Malfeld gestoppt werden konnte. Was dann folgte, war ein unermüdliches Andrängen auf unser Malfeld. Hamburg warf alles nach vorne. Gab alles. Aber wir hielten mit gnadenloser Verteidigung dagegen. Der Knackpunkt war für mich, als ein schwerer Hamburger Prop den Ball zum xten Pick’n’Go aufnahm und sofort kompromisslos von seinem Gegenüber Patrick Freyburg mit unglaublichem Drive Meter zurückgeschoben wurde. Was für eine Verteidigung! Die Hamburger mussten sich neu formieren, die Angriffe ebbten ab und irgendwann war der Vorwärtsdrang endlich gebrochen. Mann, war das eine Leistung! Abpfiff. Halbzeit. Und hinterher, nach dem Spiel habe ich mit einigen meiner Mitspieler geredet und sie meinten, das war die entscheidende Szene. Dass wir es da, so kurz vor der Halbzeit geschafft haben, unser Malfeld sauber zu halten. Da war für viele klar, dass heute der Sieg eingefahren werden würde. Außerdem erinnerte mich das sehr verdächtig an unser Spiel gegen den HRC vor einem Jahr, der für diejenigen BSVlern, die dabei waren, fast traumatische Erinnerungen zurückgelassen hatte. Wir waren damals ganz bitter an unserer Unerfahrenheit und dem Versäumnis, Punkte zu machen, gescheitert. Und bei dieser 20-11 Niederlage damals war es genau umgekehrt. Wir stürmten Ende der ersten Halbzeit mit allem, was wir aufbringen konnten, gegen das HRC Malfeld, aber schafften es aber einfach nicht. Und heute genau das Gegenteil! Das würden wir uns nicht mehr nehmen lassen.
Aber vielleicht war es genau dieser Gedanke, der uns Anfang der zweiten Halbzeit dann ganz arg in Bedrängnis brachte. Eine gefühlte Ewigkeit wurden wir in unserer eigenen 22 festgenagelt, ohne dass aber unsere Verteidigungslinien brachen. Wir erkämpften uns sogar mehrmals den Ball, aber unsere Kicks waren aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen allesamt einen Meter zu kurz und fanden nicht die Außenlinie. Mal um mal wurden sie von den Hamburger Ecken wieder in die gefährliche Zone gebracht. Aber irgendwie überstanden wir auch diesen Angriffsturm und fast unverdient gelang uns im ersten Gegenzug an der Hamburger 22-Linie, relativ zentral einen Straftritt herauszuholen. Setzen. Ganz klar. Das entschied unser fulminant spielender und heute absolut gnadenlos tackelnder Kapitän Justin Woods und wiedereinmal war die Nervenstärke unserer 15, Julian Schneider gefragt: Sauberer Kick. Fahnen hoch. 10:0. Jawoll! Das war schon ein bisschen beruhigender als die hauchdünne 7:0 Führung zuvor. Aber der HRC war keineswegs gebrochen. Zunächst wurde ihr zweiter Innen ausgewechselt und der neue Mann war zunächst schwer von uns unter Kontrolle zu bringen. Auch ihr schwarzer Blitz André auf der Schlussposition war immer wieder gefährlich, auch wenn ihm ein Pass mal ganz gut getan hätte. Einmal sauste er mit voller Geschwindigkeit an der Außenlinie entlang und hatte das Malfeld schon vor Augen. Ich war in seiner Nähe und wusste, dass ich ein Risikotackle machen musste. Entweder erwische ich ihn voll oder er ist durch. Fünfzig fünfzig. Aber heute kam keiner an mir vorbei. Heute nicht. Ich sprang, erwischte ihn voll, schmetterte ihn knallhart ins Aus. Puh! Gerade noch einmal gut gegangen! Aber ich war bei weitem nicht der einzige, der heute solch eine Situation hatte. Was ich so veranstalte, bleibt mir nur besser in Erinnerung. Aber heute, heute könnte jeder von uns von einer ähnlichen Aktion berichten. Heute waren wir einfach nicht zu überwinden.
Ok. Bis auf einmal. Der noch immer beherzt spielende HRC konnte das Spiel ganz kurz vor Schluss wieder in unsere 22 verlagern. Nahe der Außenlinie links bildete sich ein Offenes und dann ging es plötzlich ganz ganz schnell. Nachdem ihr U-21 Nationalspieler Lukas mit der Nummer Acht auf dem Rücken noch einmal bei unseren Innen heranstürmte, konnte er nur von zwei Verteidigern gehalten werden, er schaffte den Offload und plötzlich gab es eine Überzahl auf der linken Seite. Schwupp war der Hamburger Eckdreiviertel schon in unserem Malfeld eingetaucht. Anschluss. Und dann wurde der wirklich sehr schwierige Kick von Hamburgs 12, Fabian auch noch sicher von ganz Außen verwandelt. 7:10. Zum Glück war es ja schon kurz vor Schluss! So dachte ich zumindest. Denkste. „Ref, wie lange noch?“ – Sven, mein Verbinder und ich erwarteten so was wie drei bis vier Minuten zu hören – „17 Minuten.“ – Lange Gesichter bei uns. Das würde noch ganz hart werden!
Aber wir kämpften und kämpften und kämpften. Das Ungünstige war nur, dass das der HRC genauso tat. Dennoch holten wir dann einen Straftritt. Allerdings etwa vierzig Meter weit von den Goalstangen weg. Unser Kapitän wollte eigentlich gerade setzen lassen, aber zweite Reihe-Ungetüm Niko Colic schaltete ganz schnell, kratzte an und stürmte weiter nach vorne. Er wird gehalten. Keine Zehn Meter. Sehr gut, die Straftrittposition weiter nach vorne verlagert. Und unser Goldfuß Julian haut das Ding rüber: 13:7. Wir sind noch mehr ermutigt, aber leider gaben die Hamburger immer noch nicht auf. Originalton: „Einen Versuch müssen wir sowieso legen!“ Da wussten wir, dass wir bis zum bitteren Ende alles geben müssen. Wir hätten es dann vielleicht noch einmal sicherer machen können, als wir aus ähnlicher Position noch einen Straftritt zugesprochen bekamen, aber diesmal gelang der Kick nicht. Also absolute Abwehrschlacht. Noch fünf Minuten! Alle wussten es. Und unsere Stürmer, diese Tiere, gaben noch mal alles. Meine Güte, das war unglaublich, was sie noch einmal für Kräfte mobilisierten! Den Sieg vor Augen verwandelten sie sich in Berserker. Kein einziges Gedränge wurde mehr verloren, dem HRC wurde keine Angriffsplattform mehr gelassen. Und dann sagte der Ref, der das Spiel wirklich ganz hervorragend geleitet hatte, letzte Aktion. Unser Gedränge. Klar gewonnen. Sven bekommt den Ball und ballert ihn auf das Dach des Vereinshauses ins Aus. In unseren ersten Auswärtssieg. Und wir alle jubelten. Und ich fiel einfach um vor Erschöpfung. Aber glücklich war ich. Mann, war ich glücklich!
Danke an alle, die dabei waren. Alle Spieler. Alle Betreuer, alle Zuschauer, dem ausgezeichneten Schiedsrichter, dem unglaublich sympathischen, gastfreundlichen und einfach mit uns befreundeten HRC. Wir freuen uns schon darauf, in Berlin mit Euch ein Bier zu trinken.
So, am Ende kommt ja traditionell noch mein „Man of the Match“. Hier ist er:
- Daniel „Stille Wasser sind stark“ Roques
- Christophe „Was heißt schon kaputte Schulter?“ Duffait
- Patrick „The Drive“ Freyburg
- Niko „Das ist ein Tackle” Colic
- Roman „Ohne Dich hätten wir verloren“ Zahner
- Hannes „Auf die alten Zeiten“ Gräff
- Justin „What a Skipper“ Woods
- JP „Die Macht“ Ruiken
- Frodo „Macht’s gerne noch mal spannend“ Gualskopek
- Sven „Der Dirigent“ Schlössinger
- Gerrit „Mister Zuverlässig“ Neumann
- Volker „Ich“ Schütt
- Kaaweh „Seite an Seite“ Molawi
- Simon „Der Blitz“ Aettner
- Julian „Goldfuß“ Schneider
Es war mir eine Ehre, mit Euch Seite an Seite zu streiten, zu kämpfen, alles zu geben.




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